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Schwarmhirte

Ich bin vor nicht allzu langer Zeit an ein schreiben geraten, welches die Erkenntnisse eines gewissen "Halbarg" trägt. Da ich weder von der Richtigkeit noch der Unrichtigkeit des Dokumentes überzeugt bin, will ich es hier nur ausstellen und nicht bewerten, da dem Schreiber ausdrücklich an der Verbreitung gelegen ist.
Nanander


N

ach längerer Reise waren wir endlich an unserem Ziel angekommen, einem gut versteckten, kleineren Portal, welches in den Tiefen des Servosdjungels verborgen lag und hoffentlich bis heute liegt. Ich werde die genauere Position des Kaers auch nicht preisgeben, der schatzgeneigte Leser kann sich beruhigten Gewissens abwenden. Nach einigen Stunden des Rätselns und Probierens fanden wir tatsächlich einen Weg hinein, welchen ich freilich hier auch nicht darlegen werde.

Die Tunnel, die sich hinter dem Tor befanden waren allesamt hervorragend in Stand, nicht einmal Staub lag dort. Zwar fanden wir viele Stunden kein deutlicheres Zeichen von Leben, aber irgendetwas musste hier sein. Wir alle wagten kaum zu hoffen, dass es sich -so viele Jahre nach dem Ende der Plage- um Namensgeber handeln könnte. Aber nur einen Tag später wurde diese unsere Hoffnung bestätigt. Wir fanden eine überwältigende unterirdische Stadt vor. Es war weniger die Größe, die uns beeindruckte, denn das hervorragende Funktionieren einer Zivilisation, die schon Jahrhunderte isoliert und abgeschnitten ihr dasein fristete. Was sage ich fristen? Die fast 4000 Bewohner des Kaers lebten ein vorzügliches Leben. Sicherlich gab es manches nicht, was wir in Barsaive wiedergefunden haben. Aber es gab auch einiges, das wir leider seit der Plage nicht mehr haben: Frieden, Gemeinschaft, Wohlstand.

Wir wurden zwar mit gebührendem Mißtrauen, aber dennoch freundlich empfangen und verbrachten einige sehr angenehme Wochen dort. Wir konnten kaum begreifen, dass es einen so fantastischen Ort in Barsaive geben konnte. Und wir waren misstrauisch. Doch keiner der Bewohner zeigte auch nur die geringsten Anzeichen von Befleckung. Um ehrlich zu sein habe nicht einmal ich als Elfentroubadour bisher so viel künstlerische Betätigung an einem Ort gesehen. Es waren beileibe nicht alle Bewohner des Kaers besonders gut in der Kunst die sie verübten, aber alle taten es mit einer Inbrunst, mit einer Begeisterung, wie sie ein Dämon wohl niemals hervorbringen könnte.

Eines Nachts dann war die Ruhe plötzlich vorbei. Es war eine lange Ruhe vor einem heftigen Sturm mussten wir herausfinden. Wir schliefen in einem Haus, welches uns eine Familie bereitgemacht hatte, indem sie bei Freunden unterschlupf suchte. Ich erwachte von dem Klirren eines Tonkruges, als er auf dem Boden in meinem Zimmer zerschellte. Blitzgeschwind hatte ich meinen Lichtquarz hervorgeholt und mein gellender Schrei weckte meine Gefährten. Ein dermaßenen Ekel, eine solche Abscheu hatte ich noch nie zuvor verspürt.

Unter dem Vorhang zu meinem Zimmer quollen hunderte kleiner, silberfarbener insektenartiger Tiere hervor, die bunt im schein meines Lichtquarzes irisierten. Es war eine wuselnde, krabbelnde, scharrende und klackerde Masse von kleinen harten Leibern, die sich bereits über die Hälfte meines Zimmer erstreckte. Ich
hasse Krabbeltiere. Mein Schrei weckte leider nicht nur meine Mitreisenden, sondern plötzlich hielt das Meer aus Krabblern inne. Dann richtete sich jedes der kleinen Scheusale auf mich aus. Und der plötzliche, stechende Schmerz in meiner Brust ließ aus dem Bett auf den Boden fallen, mir den Kopf aufschlagen und dort mit der Hand auf der Brust wie gelähmt liegenbleiben. Auf Augenhöhe mit diesen widerwärtigen Biestern, denen ich nur mit wachsender Panik entgegenblicken konnte, wie sie sich flink näherten, aus allen Richtungen, die Panzer klickernd, die tausenden von Füßchen scharrend. Ich wollte so gern aufspringen und fliehen, doch mein Herz ließ nichts zu als liegen und leiden. Ich spürte die ersten ihrer leichten Körper auf meinem rechten Bein, das kitzeln vieler kleiner Füße auf meiner nackten, entblößten Haut. Dann auf meinem ausgestreckten Arm, Ich schloss die Augen, versuchte mich davon abzulenken. Aber es kamen immer mehr, ich hörte sie, und das Kribbeln wurde stärker und stärker. Sie krabbelten in mein Nachtgewand, auf meiner Haut, über meinen Bauch, meine Brust, die mir solche Schmerzen bereitete. Über mein Haar meinen Hals, über mein Gesicht. Ich spürte ein aufwallendes Erbrechen, doch mein gesamter Leib war bereits so verkrampft, dass sogar das mir versagt blieb. Als ich sie in meinem Gesicht spürte wurde mir die Gnade der Ohnmacht zuteil.

Als ich erwachte lag ich auf den Schultern meines Trollgefährten, er und meine anderen Begleiter standen auf dem Dach des höchsten Turms der Stadt. Wir waren umgeben von einem Feuerkreis unseres Elementaristen, der die Krabbeltiere wenigstens von uns fernhielt. Doch der gesamte Rest der Stadt schien zum Leben erwacht, jede Wand, jedes Dach, jeder Weg und jeder Brunnen schimmerte und glitzerte, bedeckt von unzähligen Silbernen Geschöpfen. Und dazwischen waren die Bewohner des Kaers, stießen laute Jubelrufe aus, begingen dieses Greul wie ein großes Fest. Da glaubte ich, sie seien doch alle von Dämonen besessen. Als sie dann eilig herbeigebrachte Netze auszuwerfen begannen, den Fischern am Schlangenfluss ähnlich, und mit großer Begeisterung abertausende der Silberlinge einfingen – da war ich sicher dass sie in der Tat alle besessen sein mussten.

Während ich noch völlig ungläubig diese absurde Szenerie begaffte und sich mir Überlegungen aufzwangen, wie man dieses Kaer wohl am besten entvölkern konnte, flog unser Windling los und fing eine der Kreaturen. Bald darauf teilte er uns mit, dass sie in der Tat dämonischer Natur waren, Konstrukte nämlich. Er war zwar Magier, doch schon sein natürliches Astralgespür verriet ihm die Verderbtheit der wogenden Massen, in der sich die Bewohner voller Freude suhlten.

Wir harrten noch einige Stunden aus wo wir waren, dann wurden die Massen spärlicher. Sie krochen in jeden Spalt, jede Ritze, jedes Rohr. Es blieben nur einige Quadratmeter Fläche voll Käfer übrig. Immer dicht außerhalb des Feuerringes, dicht genug um mich zu ekeln und zu ängstigen, aber nicht dicht genug um zu verbrennen. Eine Feuersbrunst, die unser Elementarist direkt in ihre simplen Strukturen wob venichtete sie.

Blieb noch das Problem der Wahnsinnigen Bewohner des Kaers, des Dämons, der die Silberlinge geschaffen hatte, und unsere Anwesenheit an diesem Ort. Doch bevor unsere Diskussion überhaupt richtig im Gange war, traten die Kaervorsteher durch die Falltür auf unser Turmdach. Während diese ausgesprochen ausgelassen und fröhlich wirkten, waren wir ausgesprochen angespannt und rechneten jeden Augenblick mit dem Beginn unseres letzen Gefechtes. Nichts dergleichen geschah.

Stattdessen wurde uns berichtet, dass sich in der Tat bereits kurz nach der Versiegelung des Kaers der Dämon bemerkbar gemacht hatte, der für die Silberlinge verantwortlich war. Er hatte kaum ein halbes Jahr nach der Versiegelung einen Schwarm seiner Konstrukte in das Kaer geschickt, und heillose Panik brach aus. An dieser Furcht hatte er sich Sattgefressen und die Käfer zurückgezogen. Wohin hatte man damals noch nicht gewusst. Und in unregelmäßigen Abständen waren sie wiedergekommen, jedes Mal Ekel und Angst sähend. Doch niemals verletzten die Silberlinge einen Namensgeber direkt, noch hatte sich der Dämon, der „Schwarmhirte“, jemals selbst gezeigt. Nur wenige Jahre nach der Versiegelung hatten die Namensgeber des Kaers herausgefunden, dass es ausschließlich ihre Angst war, auf die es Schwarmhirte abgesehen hatte. Und sie hatten beschlossen, ihm nicht zu geben was er wollte. All die folgenden Jahrhunderte verweigerten sie ihm ihre Angst, indem sie seine Schwärme als Bestandteil Ihres Lebens akzeptierten, wie wir das Wetter akzeptieren müssen. Und so konnte Schwarmhirte seine Macht gar nicht erst entfalten, er hatte seinen Griff um das Kaer fast noch schneller verloren als gewonnen. Später hatte das Volk die Schwärme sogar als nützlich entdeckt, und begannen sie zu nutzen. Sie wurden verzehrt, als Bausubstanz gebraucht, als Dünger und als Energielieferant. Und da man keine Möglichkeit hatte den Dämon direkt anzugreifen, da er sich am Grunde des Entsorgergrubensystems eingenistet hatte, beließ man ihn dort, sperrte ihn astral ein und Genoss seine gelegentlichen verzweifelten Versuche etwas zu erreichen, die sich bald auf ein Intervall von acht bis elf Jahren einpendelten.

Als wir dann in das Kaer eindrangen witterte er wohl seine erste echte Möglichkeit seit Jahrhunderten und schickte soviel er konnte. Zumindest in Bezug auf mich hatte er sicherlich erfolg, wie ich ohne Freude zugeben muss. Natürlich habe ich mit meinen Gefährten die Vernichtung des Schwarmhirten erwogen, doch die Entsorgungsgruben und die Bitten der Bewohner ließen uns davon absehen. Denn einen beträchtlichen Teil des Wohlergehens verdankte das Kaer dem Dämon, so absurd das auch klingen mag. Wir versprachen auch, stillschweigen zur Position des Kaers zu wahren, denn nachdem wir ihnen vom Zustand Barsaives berichtet hatten, entschieden sie sich dafür ihr so friedliches und ungestörtes Leben fort zu setzen um womöglich später in ein heiles Barsaive zurückkehren zu können.

Diesen absolut außergewöhnlichen Hergang eines Dämoneneinbruchs in ein Kaer kann und will ich allerdings nicht verschweigen, deshalb schrieb ich es so nieder wie ich es erlebt habe, und werde versuchen der großen Bibliothek zu Throal und ausgewählten Einzelpersonen eine Kopie zukommen zu lassen, bevor mein Leben beendet ist. Bei den Passionen,

Halbarg





letzte Änderung 21-Mai-2007 21:11:30 MESZ von unknown.



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