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Die Reisen Von Aurora Coriandala

Autor: Lele


Die Reisen von Aurora Coriandala

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Schon als winziges Windlingskind schlich ich mich gerne in die hoheitlichen Tiergärten des Maharaja. Eigentlich darf man da nicht immer rein und schon gar nicht jeder. Aber die Zäune sind nicht besonders hoch und schon bald darauf hatte ich einen Freund gefunden. Die Wachen nannten ihn Meister der Tiere, er nannte sich Freund der Tiere und ich nannte ihn Avi. Ich weiß gar nicht, wie sein voller Name ist oder ob er überhaupt einen anderen hat, denn alle sprachen von ihm als Avi der Hoheitliche Meister der Tiere und sogar der Maharaja nannte ihn Meister der Tiere. Am Anfang mochte er es nicht, wenn ich einfach in den Garten flog um alles zu stören, doch bald schon verteidigte er mein Dasein vor den Wachen, so sie es denn überhaupt merkten, mit den Worten: "Sie ist ein Wesen des Himmels, hindert ihr denn die Vögel daran die Gärten zu verlassen oder nur die Tiere des Bodens?" Ich weiß nicht, ob sie seine Ansicht über die Freiheit derer die fliegen teilten oder einfach nur nicht zugeben wollten, das sie seine Logik nicht verstanden, auf jeden Fall versuchten sie nie mich vom Besuch des Gartens abzuhalten, sondern sagten lediglich zueinander "Sieh mal ein Vogel", wenn sie mich sahen.

Ich lernte alle Freunde von Avi kennen. Die Tiger, Elefanten, Affen... sein bester Freund war eine Schlange namens Kia. Er sagte immer, dass er sich auf Kia mehr verlassen könne als auf jeden mit der Fähigkeit Namen zu geben. Fast jeden Tag am frühen Abend kam der Maharaja in den Garten um sich zu erholen und an seinen Tieren zu erfreuen. Oft hielt er abends auch Feste im vorderen Teil des Gartens ab. Dann hatte er oft Gäste und es gab Spektakel von Narren, Sängern und Tänzern um ihn und seine Gäste zu unterhalten. Zu den Tänzern gehörten auch meine Eltern, von denen ich das Bauchtanzen gelernt habe. Sobald ich es gut genug konnte, habe ich auch oft bei solchen Gelegenheiten für den Maharaja und seine Gäste getanzt. Solange ich nicht für solche Anlässe offiziell da war verließ ich den Garten frühzeitig um nicht vom Maharaja bemerkt zu werden, denn so stolz er auf "seine" Tiere aus aller Herren Länder war und sie auch zu seinen Festen stolz präsentierte und vorführte, so eifersüchtig hütete er sie und hielt seinen Garten verschlossen. Das betreten war Unbefugten unter Androhung öffentlicher Strafe verboten. Öffentliche Strafe bedeutete meistens ein Auspeitschen auf dem Markt.

Eines Tages als ich frühmorgens Avi besuchte und ihm half die Wunde eines verletzten Tigers zu säubern kam der Maharaja überraschend dazu. Ich bemerkte ihn zwar, doch ich befürchtete durch ein schnelles Flüchten den Tiger zu erschrecken und das wäre gefährlich gewesen. Natürlich verlangte der Maharaja sofort zu wissen, was ich hier zu tun hätte und was mich berechtigte hier zu sein. Avi erklärte ihm, dass er doch erzählt hatte, dass er sich einen Schüler suchen wollte, der ihm zur Hand gehen sollte und dass ich seine neue Schülerin wäre. Der Maharaja fragte nur, ob ich die Anlagen dazu hätte, worauf Avi antwortete, dass er davon ausgeht und hofft, dass er sich nicht täuscht. Der Maharaja fragte mich noch, ob er mich kenne, weil er sich nicht sicher sei, da wir Windlinge uns alle zu ähnlich sähen. Ich antwortete höflich, dass ich wie auch meine Eltern schon für ihn getanzt habe, woraufhin er zufrieden nickte und meinte er würde demnächst auf mein Gesicht achten. Dann verabschiedete er sich, um durch den Garten zu lustwandeln. Und langsam konnte ich realisieren, dass ich einer öffentlichen Auspeitschung knapp entkommen war und zudem Avis Schülerin geworden war. Während ich noch darüber nachsinnierte, was das nun bedeutete fragte Avi mich: "Nun meine Schülerin, was mache ich hier?" und ich antwortete "Du versorgst mit mir Iglis Wunde". Aber er erwiderte "Nein, ich meine was ich hier Tag für Tag mache?". Ich versuchte es noch mal "Du kümmerst dich um die Tiere im hoheitlichen Garten." - "Ja und warum mache ich das?“ - „Weil sie hier sonst nicht leben könnten?“ - „ Ja aber warum bin ich hier?“ - „…?“ - „Wegen Kia, sie ist mein bester Freund, aber der Maharaja meint, dass sie ihm gehören würde, außerdem gefällt Kia der Garten und sie möchte nicht weg, es riecht gut hier.“ Das war meine erste Lektion als Avi’s offizielle Schülerin, sie lautete - Hör auf deine Freunde -.

Von nun an erzählte er mir jeden Tag Geschichten aus denen ich etwas lernen sollte wie zum Beispiel, dass Tiere unsere besten Freunde sind, dass das Gesetz des Stärkeren, Schnelleren oder aus anderen Gründen Mächtigeren gilt. Dieses ist meist derjenige mit den besten Freunden oder derjenige von dem geglaubt wird er hätte die mächtigsten Freunde, wie zum Beispiel der Maharaja, denn der Löwe reißt die Gazelle und nicht andersherum. Deshalb muss man entweder selber Löwe sein oder Löwen zu Freunden haben. Darauf beliefen sich meine Unterweisungen für die nächste Zeit, bis der Maharaja drei Löwen geschenkt bekam, wofür er den Gönner mit einem Hohen Rang in seiner Garde bedachte. Die Löwen wurden in eine Höhle im hinteren Teil des Gartens gebracht, der zur Eingewöhnung der Löwen abgetrennt worden war. Am Abend ging Avi mit mir zur Höhle und sagte zu mir, dass ich heute Nacht in der Höhle des Löwen schlafen werde. Ich dachte, dass dies wieder eine Geschichte werden würde oder als Metapher gemeint wäre, die ich nur noch nicht verstand. Doch er meinte es ernst. Er verlangte, dass ich mich zwischen die Löwen legen und schlafen solle. Ich sah ihn an und bekam kein Wort heraus.

Dann sagte er: “Entweder du bist Löwe oder du hast Löwen als Freunde! Wenn du das nicht kannst ist hier kein Platz mehr für dich!“ Dann drehte er sich um und machte Anstalten Kia aufzuheben und mit ihr zu gehen. Ich zögerte, denn ehrlich gesagt ich hatte Angst, dass ich wenn ich hier einschliefe erst im nächsten Leben wieder aufwachen würde und ich mag mein Leben hier, denn vielleicht wäre ich ja im nächsten Leben ein Obsidimen und müsste alles so unerträglich langsam machen oder ein grummeliger Troll und müsste alles furcht bar finden oder eine Kuh (immerhin besser als Obsidimen oder Troll). Ich war mir nicht sicher wie gut mein Karma derzeit war und insbesondere: Ich hänge an meinem Leben, ich mag es. Doch dann flüsterte ich Avi zu „Sag meinen Eltern, dass ich sie liebe, wenn ich nicht mehr dazu kommen sollte“. Avi zeigte keine Reaktion und ging. Ich ging davon aus, dass Avi wissen würde wie ich die Nacht verbracht hatte, also legte ich mich vorsichtig zwischen die schlafenden Löwen, sorgsam darauf bedacht keinen von ihnen aufzuwecken. Irgendwann bin ich dann wohl eingeschlafen, denn am nächsten Morgen wachte ich in einem pelzigen Nest bestehend aus den Vorderpfoten eines der Löwen auf. Vorsichtig testete ich was passieren würde, wenn ich mich bewege, das Resultat war eine gigantische rosa Zunge die sich anfühlte wie ein Reibeisen und mich derart ableckte, dass meine Haut ganz wund war als der Löwe sich entschied fertig zu sein. Zum Dank kraulte ich den Löwen, ich konnte es kaum glauben, dass ich die Nacht in der Höhle des Löwen überlebt hatte und nun nicht nur Löwen zu Freunden hatte, sondern selbst ein Löwe war. Avi hat es mir nie gesagt aber ich konnte erkennen das er tief beeindruckt war, daran wie er mich ansah und meine vom Löwen liebevoll malträtierte Haut inspizierte. Avi erreichte nie ein so inniges Verhältnis zu den Löwen wie ich, aber ich glaube er hat auch nie in ihrer Höhle geschlafen, was ich fortan noch öfter tat.

Nach dieser Nacht begann die zweite Phase meiner Ausbildung, nun ging es nicht mehr nur um Werte und Weltanschauung sondern auch um die eigentliche Disziplin, ich wurde endlich Tiermeister. Als meine Ausbildung soweit fertig war, dass ich mich Adept des ersten Kreises nennen konnte stellte der Maharaja mich als zweiten hoheitlichen Meister der Tiere ein. Meine Aufgabe bestand aber nicht darin Avi zur Hand zu gehen, der Maharaja schickte mich stattdessen fort um neue Tiere für seine „Sammlung“ zu akquirieren. Eine Arbeit für die Avi behauptete zu alt zu sein. Ich reiste in fremde Länder, zu fremden Kontinenten und um die halbe Welt. Diese Reisen führten mich nach Aznan, wo wir fremdartige Affen fingen, nach Kreana, wo wir Krokodile fingen, nach Vasgothia, wo wir Bären und Hasen fingen und in andere fremde Gefilde. Der Maharaja schickte mich dazu in Begleitung einer Sondereinheit seiner hoheitlichen Garde auf einem Luftschiff in die Fremde. Wir landeten dann irgendwo mitten im Wald oder was auch immer das Land hergab, weitab jeglicher Zivilisation, wodurch wir von der Bevölkerung kaum behindert werden konnten. Auf den Reisen vertrieben sich die Gardisten die mir zur Begleitung abgestellt worden waren oft mit Kampfübungen, in die sie mich, wenn ich wollte einbezogen und mir beibrachten wie man es schaffte den Gegner zweimal zu treffen. Die Reisen waren immer erfolgreich und wir brachten immer das eine oder andere Tierpaar zurück und bald befand Avi mich reif genug um in den nächsten Kreis aufzusteigen. Am Anfang bereitete mir kein Teil der Missionen größere Probleme, aber bald begann mein Gewissen an mir zu nagen, ein Gewissen, dass Avi entweder nicht zu haben schien oder welches er ignorierte, um weiterhin die Immunität genießen zu können, die ihm seine Arbeit beim Maharaja brachte. Es war ja auch nicht so, dass wir die Tiere quälten, wir mühten uns sehr um ihr Wohlbefinden und doch nahmen wir ihnen ihre Heimat und schlimmer noch ihre Freiheit. Ich wusste, dass es meinen Freunden nicht schlecht ging, aber auch dass sie ihr altes Leben vermissten. Das führte immer öfter zu Diskussionen zwischen mir und Avi, denn ich wollte Tiere nur noch dann in den Garten des Maharaja bringen, wenn sie sich freiwillig entschieden hatten mich zu begleiten. Er war der Meinung, dass sie da halt durch müssten und nach ihrer Ankunft ihr Glück im Garten schon finden würden. Zu guter Letzt beendete er alle Diskussionen immer wieder damit, dass er sagte „Kia mag es hier, hier riecht es gut.“ Was soll man da bloß sagen, es war unbestreitbar, dass der Garten sehr wohlduftend war, aber Geruch allein konnte meiner Meinung nach die Freiheit nicht ersetzen.

Also brachte ich meine Bedenken eines Tages vor den Maharaja, denn ich war fest davon überzeugt, dass er mir zuhören und meine Bedenken ernsthaft durchdenken würde. Doch er war sehr erzürnt und fühlte sich von mir in Frage gestellt. Er bestrafte mich mit Freiheitsentzug und ordnete an, dass ich fünf Tage im Garten zu bleiben hätte, um zu sehen, dass man dort alles hat, was man braucht und es einem dort an nichts mangeln könne. Dafür erhöhte er sogar die Zahl der Wachen, um zu verhindern, dass ich über den Zaun flog. Auf einmal kamen mir die großzügig angelegten Gartenanlangen kleiner vor als je zuvor. Zwar waren alle meine Tierfreunde da und teilten mein Leid, doch ich konnte nicht umhin am Zaun zu stehen und die Welt die mir verwehrt war zu betrachten. Avi war sehr sauer auf mich, er warf mir vor, dass ich alles wofür er gearbeitet hatte aufs spiel setzen würde und auch ihn in Gefahr brächte, aber ich war nicht bereit meine Überzeugung zu verraten, denn Freiheit erschien mir mehr denn je als zu schützendes Gut. Tiere sollten nur freiwillig in diesem Garten leben, genauso wie die Vögel die über den Zaun fliegen durften und von niemandem gehindert wurden.

Nach fünf Tagen, als ich mich schon ganz elend und krank fühlte befahl man mich zu einer öffentlichen Audienz. Der Maharaja wollte wohl beweisen, dass es nicht ohne Folgen blieb ihn oder seine Motive zu hinterfragen. Ich wurde gefragt, was mir in den letzten fünf Tagen gefehlt habe und ich wusste was der Maharaja hören wollte. Wenn ich sagen würde „Nichts“, dann würde mein bisheriges leben weitergehen, als wäre nie etwas gewesen. Ich entschied mich jedoch ihm zu antworten, dass mir die Freiheit gefehlt hätte. Erzürnt entschied er mich für fünf Tage in den Kerker sperren zu lassen, um mir zu beweisen was freiheitslos war. Danach sollte ich wieder zu einer Audienz kommen. Ich kannte den Palastangestellten, der mich in den Kerker brachte, denn er war auf einigen Reisen dabei gewesen. Er versuchte mir Mut zuzusprechen, indem er mir sagte, ich solle daran denken, dass unsere Gedanken immer frei sind, aber was halfen mir freie Gedanken, wenn mich die Fesseln zu verbrennen schienen und die Dunkelheit und muffige Luft mich zu ersticken drohte. Fünf endlose Tage verbrachte ich in einem tiefen Loch angekettet an den Boden, nicht mal in der Lage zu dem winzigen Fenster hoch über mir zu fliegen, um nach draußen zu sehen und einen Sonnenstrahl zu erhaschen. Ich fühlte mich, als würde ich verschimmeln, als würden meine Flügel beginnen sich zu zersetzen und mein Herz zerbrechen. Als man mich nach fünf Tagen wieder zum Maharaja brachte und ich gefragt wurde, ob man im Garten frei sei, antwortete ich dass auch verhältnismäßige Freiheit keine sei, wenn man nicht selbst entscheiden könnte. Dafür wurde ich öffentlich ausgepeitscht und aus dem Palast verstoßen mit dem ausdrücklichen Verbot die Gärten auch nur noch einmal zu betreten. Es hieß, ich hätte mich der Verleumdung schuldig gemacht und ich muss wohl froh sein, dass man mich am Leben ließ, auch wenn ich mich damals alles andere als lebendig fühlte.

Meine Eltern brachten mich zum Wald am östlichen Stadtrand, wo sie mich pflegten bis meine physischen Wunden verheilt waren. Ich würde meine Freunde im Garten nie wieder sehen dürfen, also entschied ich, dass es nur Tortur war hier zu bleiben. So nah und doch so fern an dem Gefängnis, das mir einmal soviel bedeutet hatte. Ich brauchte definitiv Veränderung. Also verabschiedete ich mich eines Morgens von meinen Eltern und folgte dem Sonnenaufgang. Ich ging einfach los bis zur nächsten Stadt und dann weiter zur nächsten, immer in Richtung Sonnenaufgang mit der Hoffnung auf ein neues Leben. Ich lebte von dem Geld, welches meine Eltern mir gegeben hatten und meinem Wissen über essbare Pflanzen, das mir Avi vermittelt hatte. Ich hätte mir durch Tanzen Geld verdienen können, aber ich fühlte mich einfach nicht in der Lage zu tanzen und mied meistens auch die Gesellschaft anderer Namensgeber. Ich reiste bis die Städte zu Dörfern wurden und dann irgendwann gar keine Ansiedlungen mehr kamen und ich tief im Dschungel war. Ich war weiter im Dschungel als ich je Aufzeichnungen gesehen hatte. Ich genoss die Einsamkeit, manchmal begleiteten mich zwar Tiere, aber nie blieben wir lange zusammen. Langsam fühlte ich mich besser, als ob ich die Fesseln des Maharajas endlich abgeschüttelt hatte und ich begann wieder zu tanzen, ganz für mich alleine mit dem Dschungel und all seinen Bewohnern. Ich genoss die frische Luft, den Wind, den Sonnenschein und ließ mich treiben. Ich hörte auf die Tage zu zählen und das einzige, was mich noch daran erinnerte dass ich nicht selbst ein Tier war, war das Tanzen. So lebte ich einfach in den Tag hinein, alles was mich interessierte war Essen, Schlafen und meine Freunde die Tiere. Ursprünglich vollzog ich das Karmaritual so, wie ich es von meinem Meister Avi gelernt hatte, indem ich laufend einen Kreis beschrieb und mich dann meditierend in dessen Mitte setzte und still nach einem Tier rief, bis mich eins erhörte. Nun bemerkte ich, dass wann ich immer ich mein Karmaritual vollzog, es sich nicht mehr richtig anfühlte. Also ließ ich mich von meinen Gefühlen leiten und begann zu tanzen, bald fühlte sich mein Karmaritual wieder richtig an und sogar besser als vorher es war nun ganz mein eigenes. Ich öffnete meine Sinne für meine Umgebung, um mit jeder Faser meines Seins wahrzunehmen wo ich bin. Dabei achtete ich besonders auf Anzeichen von Tieren in der Nähe, wie z.B. ein Rascheln, ein Tappen, ein Geruch, ein bestimmtes Gefühl und begann dann langsam zu tanzen und in meinem Geiste tanzte ich mit den Tieren, wie die Tiere, für die Tiere im Einklang mit ihren Emotionen und Bedürfnissen.

Etwa zu dieser Zeit lernte ich Tink kennen. Sie war noch ein Jungtier, als ich sie alleine auf dem Boden des Dschungels fand. Ihre Familie konnten wir nirgends finden. Also nahm ich sie mit, päppelte sie auf und trug sie auf meinem Rücken umher wie ihre Mutter es getan hätte. Eines Tages, als ich schon lange nicht mehr wusste wie weit im Dschungel ich war, hatte ich zum ersten Mal wieder das Bedürfnis etwas anderes als endlosen Dschungel zu sehen und etwas anderes zu hören als die Geräusche der Tiere, der Pflanzen und des Wetters.

Ich hätte es zwar schön gefunden meine Eltern wiederzusehen, aber ich wollte nicht zurück nach Indrisia. Daher entschied ich mich gegen den Rückweg nach Westen. Soweit ich wusste war im Süden nur das Meer und über den Osten wusste ich nichts, außer diesem endlosen Dschungel. So entschied ich mich für den Norden, wo nach meiner Kenntnis das große Reich Cathay lag, aber viel mehr wusste ich wiederum nicht und für den Moment war eine Richtung sowieso so gut wie die andere. Also erreichte ich bald Cathay, ein mir völlig fremdes Land. Als erstes Zeichen von Zivilisation fanden Tink und ich ein Dorf, welches halb im Dschungel lag und nach einigen Tagen die ich mit dem Beobachten des Dorfes beschäftigt war, stellte ich fest, dass ich die Sprache nicht verstand. Ich entschied mich das Dorf unbesucht hinter mir zu lassen und erst in einer größeren Stadt mein Glück zu versuchen. So reisten wir weiter und nach einigen weiteren Dörfern kamen wir irgendwann tatsächlich zu einem Ort der die Bezeichnung Stadt fast verdient hatte. Auch wenn es nichts im Vergleich zur Hauptstadt Indrisias war in der ich aufgewachsen war.

Wir liefen durch die Stadt und ich hörte weiterhin nur fremde Zungen, bis ich auf vertraute Klänge aufmerksam wurde. Als ich mich umdrehte sah ich ein Windlingspärchen, die ich sogleich ansprach. Wir stellten fest, dass wir zwar die gleiche Sprache sprachen, uns aber dennoch füreinander fremdartig anhörten. Die beiden waren interessiert an meiner Geschichte und im Austausch mehr als gewillt mir einiges über Cathay und den Ort an dem wir uns befanden zu erzählen und außerdem für mich zu dolmetschen, um mir zu helfen indrisisches Geld in die gültige Währung in Cathay zu tauschen und mir neue Kleidung zu besorgen. Ich wollte Kleidung, die mir vertraut war und doch an Cathay angepasst war, also entschied ich mich mir Pluderhosen wie ich sie aus Indrisia gewohnt war nähen zu lassen, denn die Hosen, welche hier üblich waren, waren unten weit was mir sehr unpraktisch schien. Dazu erstand ich ein Oberteil, das den Bauch freiließ, um wieder vor Publikum tanzen zu können, denn so plante ich in Zukunft mein Brot zu verdienen. Mein altes Geld war nämlich so gut wie aufgebraucht und hier in den Städten war es nicht einfach sich von dem zu Ernähren, was die Natur bot. Zu guter Letzt entschied ich mich zu einer hier üblichen Jacke mit mir ungewohnt engen Ärmeln, was sich jedoch als gar nicht so unbequem wie befürchtet und zudem als praktisch herausstellte. Mein letztes Geld investierte ich in Essen und den Besuch in einem Badehaus, wo ich mir mit Tink eine Wanne teilte. Sie war so begeistert wie ich von dem duftenden warmen Wasser. Danach konnte man mir, frisch gekämmt, wohlduftend und in neuen Kleidern, abgesehen von meiner grünen Haut, die Zeit im Dschungel kaum noch ansehen.

Ich blieb einige Zeit, doch als die Windlingsdame begann eifersüchtig auf mich zu werden, entschied ich, dass es Zeit war weiterzuziehen. Ich wusste inzwischen genug von den hiesigen Gepflogenheiten, um, auch ohne die Sprache zu verstehen, durchzukommen und ich wollte kein Beziehungsdrama heraufbeschwören. Wir machten uns auf den Weg um die große Handelsstraße Cathays zu suchen, der wir folgen wollten, wo auch immer sie uns hinführen würde. Es funktionierte ganz gut für Geld zu Tanzen, ich hatte für Tink einen Hut gekauft, den sie abgöttisch liebte und brachte ihr bei mit dem Hut durch die Zuschauer zu gehen und sich zu verbeugen, wenn jemand Geld hineintat, wovon die meisten absolut begeistert waren. So sehr ich das Leben im Dschungel mochte, umso mehr genoss ich es auch ab und an in einem richtigen Bett zu schlafen, auch wenn die hiesigen Betten nichts mit den seidenen Kissen im Tempel gemein hatten mit denen ich aufgewachsen war. Mit der Zeit lernte ich langsam auch die Sprache. Als ich an die Handelsstraße kam entschied ich mich für Westen. Manchmal verdingte ich mich nun auch als Begleitschutz für Karawanen, auch wenn dies nicht einfach war, da die meisten mich aufgrund meiner geringen Körpergröße nicht ernst nahmen. Aber die Zeiten waren schwer und so waren die Karawanenführer froh, dass ich mich zu verteidigen wusste, wenn wir mal wieder von marodierenden Plünderern überfallen wurden.

Auf meinem Weg entlang der Handelsstraße sah, hörte, schmeckte und roch ich viel Neues. Eines Tages teilte die Straße sich und ein Weg führte, wie ich herausfand, nach Indrisia, doch ich wusste nicht, warum ich nach Indrisia zurück sollte. Zwar wollte ich immer noch gerne meine Eltern wiedersehen, aber zu all den Orten die ich mit meiner Zeit dort verband würde mir der Zutritt verwehrt werden, also wählte ich den anderen Weg, der mich schließlich nach Bactra führte. In Bactra genossen wir es einige Zeit, nicht auf Reisen zu sein, doch ganz in der Nähe befand sich der Mondwald und ich beschloss das Tink ein wenig Zeit im Wald genauso wie mir auch mal wieder ganz gut tun würde.

Als wir etwa einen Monat im Mondwald waren begegnete uns der erste Namensgeber, ein Windling. Wir fanden ihn hinter einem Gebüsch zwischen Beerensträuchern sitzend, ganz in den Genuss der betörend süß riechenden Beeren vertieft. Bei ihm stand ein Korb, in dem bis jetzt kaum Beeren waren. Ich war fasziniert, nie hatte ich einen Namensgeber gesehen, der so im Moment gefangen und frei von allen Zwängen und Verpflichtungen sein Dasein so offensichtlich genoss. Er wirkte voller Glück. Ich stand da und sah einfach zu, während Tink erst still hinter mir saß und sich dann in einen Baum verzog. Auch im Astralraum war der Windling wunderbar zu betrachten, seine Struktur schien im völligen Einklang mit sich selbst und der Umgebung zu sein. Ich betrachtete ihn, bis er sich umdrehte und mich sah. Doch in seinem Gesicht war kein Erschrecken, keine Scheu, keine Abwehr, keine Skepsis, nichts von all dem, was mich auf meiner Reise hierher ständig begleitet hatte. Er lächelte mich unverhohlen neugierig an. Er fing an zu reden, doch ich war noch viel zu fasziniert, so dass ich nur mitbekam „…helfen Beeren für das Fest zur Ehren der Muttergöttin zu sammeln.“ Beziehungsweise ich erriet, dass er das sagte, denn er sprach nicht nur etwas, sondern sehr seltsam. Ich nickte und setzte mich zu dem munter weiterplappernden Windling zwischen die Beeren. Er erzählte irgendwas von einer Mutter und Elfen und Trollen und diesem Fest. Dann steckte er mir eine der Beeren in den Mund und sie war so unglaublich köstlich, dass ich endlich meine Sprache wiederfand. „Selbst die erlesenste Speise im Tempel des Maharaja würde vor Neid erblassen, wenn sie von dieser Beere wüsste.“ Der Windling kicherte, wahrscheinlich über meine Art zu Reden, die für ihn höchstwahrscheinlich genauso fremd und seltsam klingen musste, wie er sich für mich anhörte. Er stellte sich mir als Flaris vor und begann dann mir Fragen zu stellen, woher ich käme, was ich für seltsame Kleider tragen würde, warum ich so seltsam rede, wie ich hierherkomme und so weiter und so fort. Ich hatte gar keine Chance etwas zu antworten, bis er sagte: „Du bist so schön“ und auf einmal scheinbar verlegen verstummte. Endlich kam ich dazu ihm zu erzählen wie ich heiße und wo ich herkomme. Dann begann er weiter zu erzählen und Fragen zu stellen. Als die Sonne langsam unterging wusste ich einiges über ihn und das Dorf, in dem er lebte, auch wenn ich mir nicht sicher war alles verstanden zu haben und er wusste auch ein bisschen was über mich, aber mir war sonst noch nie jemand begegnet der mich stillreden konnte. Ich fand ihn immer noch faszinierend und er mich scheinbar auch. Bis der Korb mit den Beeren voll war, war die Dunkelheit schon hereingebrochen und er lud mich ein mit ihm ins Dorf zu kommen. Ich willigte ein und fragte mich langsam wo Tink hin war, doch als ich mich umsah merkte ich, dass sie uns folgte. Auf dem Weg zum Dorf bedankte er sich vielfach für die Hilfe beim Sammeln, auch wenn ich ihn meiner Meinung nach eher aufgehalten hatte, aber das ließ er nicht gelten. Das Dorf bestand aus Hütten und Brücken, die aus den und in die Baumwipfel zu wachsen schienen und sie schienen sich immer wieder ineinander und um sich selbst zu drehen, so dass einem bei näherem Hinsehen fast schwindelig werden konnte. Wir brachten die Beeren in eine hölzerne Halle zu einer gütig lächelnden Elfe. Flaris sprach mit ihr in einer Sprache, die ich glaubte naheliegenderweise als die Sprache der Elfen zu erkennen, aber da ich dieser nicht mächtig war verstand ich nichts außer dem gütigen Lächeln, welches ihr Gesicht nicht einen Moment verließ und mich Willkommen zu heißen schien.

Danach brachte Flaris mich in eine der kleinen Hütten in einem der Bäume, die auf unsere Größe abgestimmt war und scheinbar unbewohnt. Aber drinnen stand ein Bett und eine Truhe und vor der Hütte war eine Art Veranda. Hier ließ Flaris mich allein mit dem Versprechen mir morgen früh das ganze Dorf zu zeigen. Sobald er ging rief ich leise nach Tink, die sofort herbeikam und auf das Bett sprang. Am nächsten Morgen fand Flaris uns beide auf dem Bett schlafend und weckte uns. Ich stellte ihm Tink vor und dann nahm er uns mit auf einen Rundgang durch das Dorf, wo er uns jedem Einzelnen vorstellte und das noch vor dem Frühstück wo ich alle wiedersah. Hier machten sie scheinbar fast alles gemeinsam und nach dem Frühstück kam geschäftiges Treiben ins Dorf. Essen und Getränke wurden eingepackt und dann machten sich alle auf den Weg zu einer Großen Lichtung auf der einige Bergtrolle und andere Elfen schon mit Vorbereitungen beschäftigt waren. Das Fest war lustig und lange und ganz anders als die Feste, die ich aus dem Tempel des Maharaja kannte, zu dem Fest hatten alle beigetragen und alle gefeiert, nicht nur ein eingeschränkter Kreis und es hatten auch alle gesungen und getanzt und nicht wie im Tempel des Maharaja, wo die Gesangs- und Tanzdarbietungen zur Erheiterung des Maharaja und seiner Gäste vorgeführt wurden. Alle hatten Spaß und huldigten auf dieser Weise der Muttergöttin. Auch von den anderen wurde ich nicht komisch beäugt, alle nahmen mich auf wie einen lange fort gewesenen Freund. Später erfuhr ich, dass dieses das Fest war, welches die Regenzeit einläutete.

Das Leben im Mondwald war ganz anders als im Tempel des Maharaja, denn alle waren füreinander da und ein gleichwertiger Teil des Ganzen und alle verbrachten viel Zeit miteinander. Neben dem Frühstück verbrachten sie auch die Abende miteinander, wo gespielt, getanzt, gelacht, geredet und getrunken wurde und alle einfach Spaß hatten. Im Dorf gab es einen elfischen Tiermeister mit dem Namen Rondis. Wir freundeten uns schnell an, aber die Sprachbarriere machte die Kommunikation schwer, also begann ich seine Sprache zu lernen. Am Anfang fiel mir das Elfische schwer, doch nach ein paar Monaten konnte ich die Sprache so fließend wie jeder andere im Dorf auch. Ich erzählte Rondis vom Tiergarten des Maharaja in Indrisia. Er wollte immer wieder davon hören und jedes Mal wieder war er empört über die Anmaßung, dass man ein anderes Wesen besitzen könnte. Eines Tages bot er mir von sich aus an mich zu Lehren, was ich brauchte um den dritten Kreis zu erreichen.

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