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Aller Anfang Ist Schwer

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ieser einfache Satz traf es in meinem Falle ziemlich genau. Und dabei begann mein Leben ganz normal. Ich wurde in eine ganz normale elfische Gemeinschaft geboren, in einen Clan, der - wenn er Adepten hervorbrachte - überwiegend Krieger und Schwertmeister in diese Welt setzte. Zauberweber hingegen sind in unserem Clan Mangelware und eine echte Seltenheit.
Dementsprechend groß war die Freude meiner Eltern, als die Ältesten unmittelbar nach meiner Geburt verkündeten, dass sie bei mir eine starke magische Aura wahrnehmen konnten und aus mir eines Tages einer der seltenen Zauberweber werden würde. Und zum Wohle des Clans wurde auch sogleich beschlossen, dass ich später zum Elementaristen ausgebildet werden sollte. Ein frommer Wunsch, doch ich war unter dem Sterne Lochosts geboren, und das machte einigen Leuten durchaus Sorgen.
Einer dieser Leute war mein Vater, Armath. Er war und ist der Coron (Oberhaupt) unseres Clans, und er sorgte sich von Anfang an darüber, dass ich eben genau das tun mochte, was man von Leuten, die unter dem Sterne Lochosts geboren wurden, erwarten darf: mich gegen Regeln und Traditionen auflehnen.

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bis zum Alter von drei Jahren kümmerten sich sowohl meine Mutter als auch mein Vater um mich und meine Erziehung, doch dann trat meine Mutter den Traditionen unseres Clans gemäß die Pflicht der Erziehung an meinen Vater ab. Seltsamerweise habe ich aber bezüglich meiner frühen Kindheit keinerlei Erinnerungen, die mit meinen Eltern oder älteren Geschwistern zusammenhängen, dafür aber wohl von meinem damals natürlich noch recht kindlichen Umgang mit den Geistern in der Umgebung.
Die Erwachsenen, denen das auffiel, taten dies jedoch als kindliche Grille oder einfach nur recht blühende Fantasie meinerseits ab. Mein Vater, der als Coron große Verantwortung trug, ahnte jedoch, dass dem nicht so war und versuchte, dem entgegen zu wirken. Damit begann eine Art Machtkampf zwischen uns, der sich über viele Jahre erstrecken sollte und mein Leben maßgeblich prägte.
Dennoch ging es bis zu meinem siebten Lebensjahr noch immer einigermaßen ruhig und friedlich zu - sah man mal davon ab, dass ich bereits von einigen spöttisch "Geisterseher" genannt und von etlichen der Kinder hin und wieder als Punchingball betrachtet wurde.
Gerade zu dieser letzten Gruppe gehörte auch mein älterer Halbbruder väterlicherseits, Fariel. Er ist unserem Vater sehr ähnlich und wird wohl eines Tages das Amt des Coron übernehmen. Damals aber war er für mich der Schrecken schlechthin, denn er war größer und stärker als ich. Nun, heute bin ich der Größere von uns beiden, dennoch könnte er mich in der Luft zerreissen, denn er wurde zum Krieger ausgebildet. Aber das nur nebenbei.
Kurz nach meinem siebten Geburtstag erwischte mich dann ausgerechnet Meister Talarion, unser einziger Zauberweber und Elementarist dabei, wie ich mal wieder mit den Geistern Umgang pflegte - und zerrte mich zu meinem Vater. Ich habe diesen nur selten dermaßen wütend erlebt, doch an jenem Tag war er es. Hätte er mich angebrüllt und verhauen, hätte ich das leichter ertragen können als die Tatsache, dass er dabei nicht ein einziges Wort sprach. Noch Tage später konnte ich kaum sitzen oder einigermaßen bequem liegen. Das war der Zeitpunkt, wo ich beschloss, Widerstand zu leisten.

§Ü§ber die folgenden Jahre hinweg wurde von unserer Gemeinschaft der Druck auf mich immer mehr erhöht. Immer wieder predigte man mir, dass die altehrwürdigen Traditionen einzuhalten seien, dass ich ein guter Elementarist werden würde und und und. Dieses Gerede ging bei mir gewöhnlich zum einen Ohr hinein, zum anderen wieder hinaus. Doch es nervte. Das hatte zur Folge, dass ich - schon immer ein eher schweigsamer Zeitgenosse - noch schweigsamer wurde. Daher nannte man mich, wenn man dachte, ich würde es nicht mitbekommen, scheon "die Auster". Mir war es egal. Dafür aber konnte ich eines Tages belauschen, wie mein Vater mit den Ältesten über mich sprach und die Sorge zum Ausdruck brachte, dass aus mir womöglich doch noch ein Geisterbeschwörer werden würde, wenn es nicht gelang, mich auf den richtigen Pfad zu bringen. Das klang in meinen Ohren gar nicht gut!
Zumindest wusste ich jetzt, wozu meine Fähigkeiten taugten und beschloss, diese in Eigenregie schon ein wenig zu schulen. Was ich bisher eher unbewusst und intuitiv getan hatte, machte ich von da an ganz bewusst und gezielt. Vor allem vertrat ich die Ansicht, dass die Passionen sich schon etwas dabei gedacht haben würden, mich mit solchen Fähigkeiten ausgestattet zur Welt kommen zu lassen. Ohne dass ich mir dessen wirklich bewusst gewesen wäre, hatte ich meinen Entschluss gefasst.
Nach jenem Gespräch zwischen meinem Vater und den Ältesten nahm der Druck auf mich weiter zu. Zeitgleich jedoch spürte ich den Ruf der Disziplin, die in meinem Clan, wie ich nun wusste, mit dem stärksten Tabu überhaupt belegt worden war, von Tag zu Tag stärker werden. Ich saß zwischen zwei Stühlen, und mir wurde klar, dass der Tag kommen würde, an dem ich mich für eine Seite würde entscheiden müssen.

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ieser Tag kam, als ich sechszehn war. Es war bei der Großversammlung zur Frühjahrstagundnachtgleiche, als die Situation eskalierte. Wie immer durfte ich mir den üblichen Sermon von wegen Traditionen und dergleichen anhören, doch diesmal hatte ich endgültig die Nase voll. Ich bin eigentlich ein ruhiger und geduldiger Zeitgenosse, doch an jenem Tag platzte mir dann doch der Kragen. Und vollkommen unelfisch sagte ich sehr deutlich und direkt, was ich von all dem hielt, nämlich gar nichts! Wütend verschwand ich, wie schon so oft, im Wald, wo ich einen meiner Lieblingsplätze aufsuchte um nachzudenken.
Und ich dachte sehr gründlich nach. Schliesslich dämmerte es mir, dass der Tag der Entscheidung wohl gekommen war, und das, obwohl ich noch nicht einmal die Geschlechtsreife erlangt hatte. Doch wie sahen meine Möglichkeiten aus?
Ich konnte einfach bleiben. Doch tief in meinem Innersten wusste ich, dass jeder Tag, den ich länger bleiben würde, mich näher an eine Verleugnung meiner selbst bringen würde. Die Ältesten und auch mein Vater, der Coron, würden immer weiter und stärker Druck auf mich ausüben, bis mein Wille irgendwann brechen würde. Doch was wäre ich dann? Doch nichts weiter als eine Marionette, kein Stück besser als einer der bedauernswerten Sklaven, wie die Theraner sie hielten.
Ich konnte gehen. Doch mir war klar, dass ich dann meinen Clan verlieren würde, da ich mich gegen den Willen des Corons und der Ältesten stellte und zudem das stärkste Tabu des Clans brechen würde. Ich kannte unsere Gesetze. Ich würde fortan als goronagee leben müssen, als einer, der aufgrund seiner Entscheidungen ausserhalb seiner Gemeinschaft stand, und das für mehrere Jahrhhunderte, so nichts anderes meinem Leben ein Ende setzen würde.
Was also sollte ich tun? Ich war nach elfischen Maßsstäben noch immer ein Kind, nicht einmal soweit, selbst Nachkommen zeugen zu können. Hatte ich so überhaupt eine Chance, in der Welt ausserhalb des Clans allein zu überleben? Allein? Ohne Zuhause? Ohne eine Ahnung von dem Leben dort draussen?

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rei Tage später kehrte ich in die Siedlung zurück. Wortlos und mit einem Eisklumpen im Magen packte ich mein weniges Eigentum zusammen und begab mich zum Coron. Ich wusste, dass derzeit die Ältesten bei ihm sein würden, schliesslich kannte ich die Abläufe. Ihnen verkündete ich dann meine Absicht, fortzugehen und eine zu mir passende Ausbildung zu machen.
Den Blick meines Vaters werde ich vermutlich nie vergessen. In seinen Augen sah ich, dass er mich zwar noch als Kind sah, als sein Kind, doch ich sah auch, dass er sehr wohl erkannte, dass meine Entscheidung gefallen und eine endgültige war. Nur kurz sah er die Ältesten an, die ihm dann kurz und sehr ernst zu nickten.
"Dann soll es so sein", sagte er, während er sich erhob. "Du stellst dich absichtlich gegen den Willen der Ältesten. Das hast du schon seit vielen Jahren getan. Und nun willst du absichtlich das stärkste Tabu unseres Clans brechen." Ernst sah er mich an, und in seinen Augen, die ebenso eisblau waren wie meine, sah ich Wut und Enttäuschung. "Nur weil du mein eigen Fleisch und Blut bist, gewähre ich dir die Möglichkeit, dich zu erklären. Sprich rasch!"
"Ich will nicht viel dazu sagen, Coron", gab ich so ruhig wie möglich zurück. Ich wusste, wie das Urteil lauten würde und akzeptierte es. "Der Weg, der mir vorherbestimmt ist, ist ein anderer als der, dem ich dem Willen der Ältesten nach folgen soll. Und hier wird es mir verwehrt, dem mir bestimmten Weg zu folgen. Deshalb gehe ich." Gefasst erwartete ich die Worte, die zugleich fürchtete wie kaum etwas anderes.
"Dann bleibt mir keine andere Wahl", sagte mein Vater in seiner Eigenschaft als Coron eisig. "Du hast das Recht, dich als Mitglied unseres Clans zu betrachten verwirkt und wirst unser Gebiet verlassen. Fortan und für den Rest deines Lebens ist es dir untersagt, dich in unserem Gebiet aufzuhalten. Sollten wir dich dennoch hier erwischen, bist du des Todes. Du hast drei Tage." Damit wandte er sich demonstrativ ab, ebenso die Ältesten.
Wortlos ging ich hinaus und verliess die Siedlung, ohne mich auch nur ein einziges Mal umzudrehen. Es gab ohnehin nur wenige Personen, die ich wirklich vermissen würde: meine ältere Halbschwester väterlicherseits, Shana, meinen jüngeren Halbbruder väterlicherseits, Dreidon, und unsere oberste Heilerin Ranaé. Und obwohl ich dieses Urteil erwartet hatte, hatte es mich hart getroffen, und ich würde Zeit brauchen, dies zu verarbeiten. Doch wo sollte ich nun hin? Wo konnte ich eine Ausbildung machen?

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ch landete nach langer Wanderschaft erschöpft und halb verhungert in der Stadt Travar, die von den T'Skrang auch Merron genannt wird. Staunend sah ich mich um, denn ich war noch nie in einer Stadt gewesen. Aber wo musste ich jetzt hin? In meiner wachsenden Verzweiflung tat ich das, was ich auch als Kind immer wieder gerne getan habe: ich suchte gezielt nach Geistern und suchte den Kontakt zu diesen. Vielleicht konnten die mir ja einen Rat geben.
Die Passionen hatten ein Einsehen mit mir. "Sieh mal einer an", sagte eine alte, aber durchaus sympathische Stimme. "Ein junger Elf, der mit den Geistern spricht."
Überrascht drehte ich mich um und sah mich einem alten Menschen gegenüber, dessen grauer Bart mich beeindruckte. Er trug eine dunkelrote, kunstvoll bestickte Robe, die hervorragend zu seinen dunkelbraunen Augen passte. Ein wenig eingeschüchtert sah ich ihn an.
"Nun schau mich doch nicht so überrascht an", sagte er gutmütig lachend. "Für mich als Geisterbeschwörer ist das so normal wie für andere das Atmen, und auch du scheinst schon gewisse Erfahrungen zu haben. Wie heisst du, mein Junge?"
"Garath", sagte ich leise und zitterte leicht. Diesmal jedoch nicht vor Angst, sondern weil ich hier ein Chance für mich sah. "Mein Name ist Garath, Herr."
"Machst du schon eine Ausbildung, Garath?"
Ich schüttelte den Kopf. "Nein, Herr, noch nicht. Aber ich möchte Geisterbeschwörer werden. Deshalb bin ich hier."
Der Mensch nickte. "Du weisst aber, dass das Studium dieser Künste Geld kostet, oder?"
Ich wurde schneeweiss im Gesicht und war froh, dass man das unter meiner schwarzen Haut wohl kaum würde sehen können. "Ich fürchte ich... ähm... ich meine..." Beschämt, an so etwas nicht gedacht zu haben, senkte ich den Blick. Das war dann wohl das Aus für meine Träume. Dann legte sich mir eine Hand auf die Schulter. Ich sah auf und erkannte, dass sie diesem alten Menschen gehörte.
"Du hast also kein Geld, mein Junge?" Er lächelte mich freundlich an. "Das macht nichts. Wenn jemand Talent hat, sollte dies nicht vergeudet werden. Ich mache dir einen Vorschlag. Ich kümmere mich um die Kosten deiner Ausbildung, und du wirst mir dafür kleinere, manchmal vielleicht auch größere Dienste erweisen. Aber keine Bange, nichts gefährliches. Einverstanden?"
Ich dachte nicht lange nach. "Ihr... Ihr würdet wirklich die Kosten übernehmen, wenn ich Euch dafür den einen oder anderen Dienst erweise?" fragte ich noch einmal zur Vorsicht nach und sah, wie er nickte. "Dann bin ich einverstanden!"

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ieser Mann hiess Nikodemus de Borne, und er hielt sein Wort. Auch ich hielt mich an unsere Vereinbarung, immerhin hatte ich ihm viel zu verdanken. Meister de Borne war für mich aber nicht nur Patron und Mentor, sondern auch väterlicher Freund, und ich habe vieles von ihm lernen dürfen.
So blieb ich nach Beendigung meiner Ausbildung freiwillig noch zwei Jahre lang bei ihm, lernte weiter und half ihm, wo ich konnte, denn bei Meister de Borne machte sich das Alter immer stärker bemerkbar.
Eines Abends saßen wir gemütlich in seinem Haus am Kamin, als mir plötzlich auffiel, dass ich von ihm nichts mehr hörte. Vorsichtig näherte ich mich seinem Lieblingslesesessel, in dem er Platz genommen hatte. Ich hatte den Tod während meiner Ausbildung schon oft gesehen, oft genug, um ihn jetzt nicht leugnen zu können. Eine schnelle Überprüfung von Puls und Atmung bestätigte mir, dass mein Meister auf die andere Seite gegangen war. Still und fiedlich.
Schnell informierte ich die Meister in Quietus, der Schule für uns Geisterbeschwörer in Travar, die bestätigten, dass er friedlich einfach verstorben war. Er hatte, allen Vorlieben unserer Zunft zum Trotz, eine Feuerbestattung für sich festgelegt, und ich blieb noch, bis diese durchgeführt worden war. Da meine Verpflichtung dem Meister gegenüber damit beendet war, verliess ich Travar, um die Welt zu erkunden und vielleicht einmal ein so guter Geisterbeschwörer wie mein Meister, Nikodemus de Borne, zu werden.





letzte Änderung 29-Mai-2007 02:16:37 MESZ von unknown.



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